LebensstilWas heißt eigentlich „gut leben“ in einer stressigen Welt?

Was heißt eigentlich „gut leben“ in einer stressigen Welt?

Ich hab diese Frage neulich irgendwo auf Instagram gelesen, zwischen einem Reel über Morgenroutinen um fünf Uhr früh und einer Werbung für Magnesium gegen Stress. Und ich dachte mir nur: ja gute Frage eigentlich. Was heißt das denn, gut leben, wenn gefühlt alle dauernd müde sind, Termine haben, To-do-Listen, die länger sind als der Montag selbst, und man selbst schon beim Aufwachen denkt „ich brauch Urlaub von meinem Schlaf“.

Früher dachte ich ehrlich gesagt, gut leben heißt sowas wie genug Geld haben, schöne Wohnung, vielleicht ein Auto, am besten eins, das nicht bei jedem Geräusch klingt, als würde es gleich explodieren. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher. Vielleicht liegt’s am Alter, vielleicht auch einfach daran, dass man nach ein paar Jahren Dauerstress merkt, dass irgendwas nicht ganz aufgeht.

Dieses ständige „Ich muss noch kurz…“

Kennst du das, wenn du eigentlich Feierabend hast, aber dann doch noch kurz die Mails checkst. Nur fünf Minuten, sagst du dir. Eine halbe Stunde später sitzt du immer noch da, Hirn schon matschig, Laune irgendwo im Keller. Und das Schlimme ist: niemand zwingt dich wirklich. Es ist so ein selbstgebauter Druck. Alle machen’s, also macht man mit.

Ich hab mal gelesen, dass wir im Schnitt über 200-mal am Tag aufs Handy schauen. Keine Ahnung, ob die Zahl ganz stimmt, aber gefühlt passt sie. Und jedes Mal ist da so ein kleiner Mini-Stress. Nachricht hier, News da, irgendwer lebt scheinbar gerade sein bestes Leben auf Bali, während du im Pyjama Nudeln vom Vortag isst. Super Vergleichsbasis.

Gut leben fühlt sich da plötzlich an wie ein Wettbewerb. Wer ist produktiver, wer entspannter, wer trinkt den gesünderen Smoothie. Spoiler: Niemand gewinnt wirklich.

Wenn Geld alles wäre, wären Banker die glücklichsten Menschen

Klingt jetzt etwas fies, aber du weißt, was ich meine. Geld ist wichtig, klar. Ohne Geld wird’s schnell sehr stressig, das hab ich selbst erlebt. Rechnungen, die warten, dieser Druck im Nacken. Aber ab einem bestimmten Punkt bringt mehr Geld irgendwie… weniger, als man denkt.

Ich hab einen Bekannten, der verdient wirklich gut. Also richtig gut. Und trotzdem jammert er dauernd über Schlafprobleme, Rückenschmerzen, keine Zeit, nie abschalten. Da merkt man dann, Geld ist wie Salz im Essen. Zu wenig ist mies, zu viel macht’s auch nicht besser.

Gut leben ist vielleicht eher so eine Art finanzielles Atmen können. Nicht reich, aber auch nicht ständig rechnen müssen, ob man sich den Kaffee jetzt leisten „darf“. Diese Ruhe im Kopf ist unbezahlbar, und ironischerweise kann man sie nicht kaufen.

Stress fühlt sich heute irgendwie schicker an als früher

Früher war Stress etwas Negatives. Heute sagt man Sätze wie „Ich bin so busy“ fast mit Stolz. Als wäre Stress ein Statussymbol. Wenn du nicht gestresst bist, machst du scheinbar was falsch. Keine Ahnung, wann das passiert ist, aber es ist komisch.

Auf Social Media sieht man dann diese Posts über Hustle Culture, 24/7 grind, schlafen kannst du später. Lustig nur, dass später dann oft Burnout heißt. Darüber redet man dann weniger gern, passt nicht so gut ins Feed-Design.

Gut leben könnte heißen, sich diesem ganzen Zirkus ein bisschen zu entziehen. Nicht komplett, klar, wir leben ja nicht im Wald ohne Internet. Aber vielleicht öfter mal sagen: nee, heute nicht. Und das ohne schlechtes Gewissen, was übrigens extrem schwer ist.

Die kleinen Dinge, die irgendwie untergehen

Ich merke oft, dass die besten Momente total unspektakulär sind. Ein Kaffee am Fenster, wenn’s draußen regnet. Ein Gespräch, das nicht nach fünf Minuten auf „Ich muss los“ endet. Oder einfach mal nichts tun, ohne nebenbei Podcasts über Selbstoptimierung zu hören.

Lustigerweise fühlt sich Nichtstun am Anfang total falsch an. Als würde man Zeit verschwenden. Dabei ist es eigentlich genau das Gegenteil. Das Gehirn braucht Leerlauf, so wie ein Handy Akku, der sonst irgendwann einfach aufgibt.

Gut leben ist vielleicht auch, wieder zu lernen, Langeweile auszuhalten. Nicht sofort wegscrollen, nicht alles füllen. Einfach mal da sein. Klingt esoterisch, ich weiß, hätte ich vor ein paar Jahren auch die Augen verdreht.

Warum wir alle so müde sind, obwohl wir schlafen

Ich schlafe eigentlich genug. Sieben, manchmal acht Stunden. Und trotzdem bin ich oft müde. Nicht körperlich, eher so eine tiefe, zähe Müdigkeit. So eine „Ich hab alles satt“-Müdigkeit. Das scheint vielen so zu gehen, wenn man sich Kommentare unter solchen Themen anschaut.

Ein Grund ist vielleicht, dass unser Kopf nie Pause hat. Selbst im Bett noch Gedanken, Listen, Sorgen. Und dann wundert man sich, warum man sich nicht erholt fühlt. Schlaf allein reicht halt nicht, wenn man tagsüber permanent im Alarmmodus ist.

Gut leben könnte heißen, mental öfter auf Flugmodus zu schalten. Nicht erreichbar sein. Nicht reagieren müssen. Das fühlt sich erst egoistisch an, ist aber eigentlich Selbstschutz.

Ein bisschen Chaos gehört vielleicht dazu

Ich glaube nicht mehr an dieses perfekte Gleichgewicht. Work-Life-Balance klingt schön, aber in echt ist es eher Work-Life-Geschaukel. Mal kippt’s zur Arbeit, mal zum Leben, und manchmal liegt man einfach auf dem Boden und weiß nicht genau, wo oben ist.

Und das ist okay. Gut leben heißt nicht, alles im Griff zu haben. Eher zu akzeptieren, dass man vieles eben nicht kontrollieren kann. Dass man Fehler macht, falsche Entscheidungen trifft, zu spät merkt, dass man über seine Grenze gegangen ist.

Ich hab lange gedacht, ich müsste alles optimieren. Morgenroutine, Ernährung, Zeitmanagement. Am Ende war ich einfach nur gestresst vom Optimieren. Ironisch, oder.

Was am Ende wirklich hängen bleibt

Wenn ich ehrlich bin, erinnere ich mich später nicht an die Tage, an denen ich besonders produktiv war. Ich erinnere mich an Menschen, an Lachen, an Gespräche, die länger gingen als geplant. An Momente, in denen ich mich lebendig gefühlt hab, nicht effizient.

Gut leben in einer stressigen Welt heißt vielleicht, sich bewusst kleine Inseln zu bauen. Orte, Zeiten, Menschen, bei denen der Druck kurz Pause macht. Das kann ein Hobby sein, ein Spaziergang ohne Ziel, oder einfach jemand, bei dem man nicht so tun muss, als hätte man alles im Griff.

Ich weiß nicht, ob es die eine richtige Definition gibt. Wahrscheinlich nicht. Aber wenn ich abends ins Bett gehe und das Gefühl habe, der Tag war okay, nicht perfekt, aber okay, dann kommt das dem „gut leben“ ziemlich nah.

Und vielleicht reicht das ja schon.

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